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Die Mädchen von Upatanisho

Die Mädchen von Upatanisho
Das Leben - Ein Leben ohne Zukunft.

Von Verena Himmelreich

Ist das möglich? Nein, das gibt es doch nicht…Was soll das sein – ein Leben ohne Zukunft? Wer lebt denn so ein Leben? Ist das überhaupt ein Leben? …Was ist das für ein Leben?

Wisst ihr es? Könnt ihr es euch vorstellen? Ich hatte keine Antwort. Ich kannte sowas nicht – ein Leben ohne Zukunft. Doch ich begab mich auf eine Reise und hier möchte ich euch jetzt davon erzählen. Ich lade euch mit dieser Geschichte ein mit mir zu kommen, an einen anderen Ort, aber in dieser selben, unseren Welt. An einen Ort wo ich gelernt habe, was es heißt, in ein Leben ohne Zukunft geboren zu werden.

Die Reise führt uns nach Kenia, in die Stadt Nakuru, die sich ca. 150km entfernt von der Hauptstadt Nairobi befindet, zu den Mädchen von Upatanisho („Versöhnung“), wie ich sie hier jetzt mal nenne. Um sie zu besuchen, steigen wir in ein Matatu (wie ein Minibus) in Nakuru Town und fahren von dort aus ein paar Minuten bergauf. Wenn wir auf der linken Seite einen guten Blick über Nakuru mit dem idyllischen See und den National Park haben und rechts Müll sehen, dann wissen wir, dass wir angekommen sind. Wir geben dem Fahrer also ein Zeichen dass wir aussteigen wollen, laufen noch ein Stück den staubigen, holprigen Weg hoch und erreichen unser Ziel, den Rescue Center für die Mädchen von Upatanisho. Wir haben Glück, es hat heute noch nicht geregnet, so zieht uns der Gestank der Müllkippe nicht ganz so penetrant in die Nase. Oder habe ich mich nur schon mehr daran gewöhnt? Von hier oben sieht man nochmals viel mehr Müll als von unten und wir können nun mit Leichtigkeit die ganze Müllkippe überblicken. Achja, denkt ihr? Dann zeigt mir mal wo sie anfängt und wo sie aufhört. Um das genau zu wissen, fragt am besten einen der zahlreichen, hässlichen Marabus, die gerne mal über dem ganzen Geschehen kreisen. In der Müllkippe ist nämlich mehr los als man auf dem ersten Blick annimmt. Vor allem, wenn einer der großen Laster mit einer neuen, riesigen Ladung Müll angekommen ist, auf den sich dann gestürzt wird. Nicht nur Ziegen, Kühe und Schweine führen dort ihr Treiben, auch Menschen leben hier. Sie arbeiten sogar da. Tag für Tag durchsuchen sie von morgens bis abends den Müll nach Plastiktüten. Das Geld was sie dafür bekommen reicht aber noch lange nicht, um die Familie mit Essen zu vorsorgen. Erst recht nicht wenn man den Großteil für Alkohol oder Drogen ausgibt. So können die Kinder sich freuen, wenn zweimal in der Woche ein Frühstück zu Verfügung steht. Für Wasser zum Trinken oder Waschen ist dann aber auch noch nicht automatisch gesorgt. Ob das Geld wohl dann noch für Schulgebühren reicht?
Ja…so ist das Leben auf der Müllkippe. Was ist das für ein Leben.
Wenn ihr euch in dieser Umgebung traurig, betrübt und sprachlos fühlt und am liebsten weinen würdet, seid ihr nicht die einzigen, denen es so ergeht. Als ich das erste Mal hierher kam, dachte ich, ich könne hier nie fröhlich oder glücklich sein. Dem war auch so, bis mein Herz etwas gefunden hat, für das es immer wieder hierhin zurückkehren wollen würde. Dieses Etwas beginnt auch dieses Mal für mich mit einem begrüßendem Lächeln der Mädchen, das sie uns schenken während sie uns das Gate öffnen, um uns hereinzulassen. Von hieran möchte ich von meinen Erlebnissen berichten als ich ein Wochenende im Mai 2011 bei den Mädchen verbrachte. Kaum angekommen, ging es also auch schon wieder weiter. Ein paar der Mädchen und ich gehen mit Säcken voll Mais zur Poshmill, um den Mais in Mehl verarbeiten zu lassen. Mit dem Mais auf dem Rücken marschieren wir also los Richtung Müllhalde. Der Untergrund ist doch rutschiger als ich dachte und man passt beim Gehen besser genau auf, wo man hintritt. An den Hütten bzw. anderen Wohnunterkünften und deren Bewohnern auf der Halde vorbei, erreichen wir das stetig wachsende Dorf dahinter. Nun geht es hauptsächlich bergab. Die Mädchen kennen viele Leute. Schließlich haben die meisten noch Familienmitglieder hier. Nach ca. einer halben Stunde Fußweg sind wir angekommen. Den mitgebrachten Mais schütten wir in ein großes Sieb, um den Staub zu verringern. Anschließend wird er gewogen. Jede von uns hatte ungefähr so sechs bis acht Kilo getragen. Während der Mais dann gemahlen wird, gehen die Mädchen wieder aus dem kleinen Laden, indem innen aber großen Christusbildern an den Wänden hängen. Ich folge ihnen. Vor einem kleinen Fernseher versammelt, den es bei dem winzigen Nachbarshop gibt, schauen wir uns an, wie Frauen und Männer traditionell zu Musik tanzen. Weiter oben am Berg entdecken wir die älteren Mädchen von Upatanisho, die gerade auf dem Weg von der Schule zum Shelter sind. Unsere Rufe haben sie leider nicht gehört. Nach einer Weile ist unser Mehl also fertig, aber das Geld, das wir mitgebracht hatten, reicht nicht. Der Ladenbesitzer lässt uns trotzdem gehen. Schließlich versucht man manchmal auch besser zu leben, indem man zusammenhält, und wir können es ja noch beim nächsten Mal nachzahlen. Also werden die Säcke wieder auf den Rücken gesattelt und wir treten den Rückweg an. Diesmal bergauf. Da kann es schon mal passieren, dass man stolpert und ein FlipFlop auseinander reißt. Der ließ sich zum Glück aber auch wieder zusammenbasteln. Später musste ich dann einem Mädchen ihre Tüte mit Mehl wegnehmen, denn wenn ich Hilfe anbiete, will sie sie nicht annehmen, dabei ist nicht zu übersehen, dass ihre Arme schon total kraftlos sind vom Tragen. Zurück am Heim geht es direkt mir Kochen weiter. Die Mädchen haben immer was zu tun und wollen trotzdem, dass ich mich faul in einen Stuhl setzte und zusehe, aber auch da muss man halt einfach Eigeninitiative ergreifen um mitzuhelfen. Sie haben mir dann neu angepflanzten Sukuma im Garten gezeigt. Nach dem Mittagessen, war auch keine Zeit zum spielen oder so, sondern es müssen viele Chapati (Art Fladenbrot) fürs Abendessen und den nächsten Tag vorbereitet werden. So habe ich einige Stunden mit hauptsächlich zwei der älteren Mädchen in der verräucherten Küche verbracht. Wir konnten uns aber gut unterhalten und so habe ich in bisschen was über die Veränderung durch den Lebenswechsel von der Müllkippe ins Heim erfahren. Nachdem Abendessen haben die Mädchen gemeinsam gesungen und dann hatten wir endlich auch ein bisschen freie Zeit. Da es schon dunkel war, haben sie mir also ihre simplen Zimmerlein stolz gezeigt, erklärt wer wo schläft und dann, versammelt im hintersten Zimmer, haben wir geredet, Quatsch gemacht, rumgealbert, viel gelacht und viel Spaß gehabt. Manche waren schon am einschlummern, manche noch ganz gesprächig. Um 9 war es dann für sie aber schon spät, denn sie müssen früh um 5 schon wieder aufstehen, um sich Tee zu kochen, aufzuräumen, zu waschen und zu putzen. Es gibt einen Plan nach dem jeder einen Dienst zu erfüllen hat. Total müde sind sie dann also in die Betten gefallen.
Am nächsten Morgen setze ich meine Füße so um 7 vor die Tür. Die Sonne versteckt sich noch hinter den Wolken, daher ist es unangenehm frisch, aber die Arbeit der Mädchen befindet sich schon im vollen Gange. Es ist irgendwie eine besondere Atmosphäre. Die Hundewelpen kuscheln sich in der Ecke des Hauses aneinander. Man sieht nur einen Knäul der sich ab und zu mal bewegt, sobald es einem am Rand zu kalt wird und er sich in die Mitte wurschtelt. Alle Hühner die es gab, sind leider jedoch gestorben. Eine Krankheit ist anscheinend ausgebrochen. Eine der älteren Mädchen, die heute Geburtstag hat, benutzt ihre Waschschüssel als Trommel, während eine andere dazu rhythmisch tanzt. Mit ihrem Spiel bringen sie mich und die anderem zum kichern. Während ich alles in Ruhe beobachte, scheint die Zeit wie gefangen in einer Glaskugel zu sein. Die Welt so kurz vorm Erwachen wirkt so friedlich, so friedlich bis die Menschen aufstehen und sich durch einen weiteren Tag in ihrem Leben kämpfen müssen. Tag für Tag eine Hürde zu nehmen. Tag für Tag eine Bürde zu tragen. Doch langsam durchbricht auch die Sonne mit ihren Strahlen die nebelige Wolkendecke und beginnt die Erde mit ihrer Wärme zu beleben. Sie hat so viel Kraft, es geht so viel Hoffnung von ihr aus. Und schon wieder befinden wir uns mitten im Leben. Guten morgen Welt. Dies ist ein neuer Tag. Vielleicht brachte der gestrige nicht viel Freude, aber es gibt noch ein Morgen. Morgen muss nicht nur aus neuen Sorgen und Lasten bestehen. Morgen kann auch Hoffnung geben. Mit Morgen geht es weiter. Mit Morgen geht das Leben weiter. Das Leben geht immer weiter. Auch ein Leben ohne Zukunft geht weiter. Und mit Hoffnung auf Morgen, mit Hoffnung auf Leben, kann auch einem Leben ohne Zukunft eine großartige, wunderbare Zukunft blühen. Schaut euch um. Schaut euch die Welt an. Seht die Mädchen. Vielleicht im Dunkeln geboren, in schattiger Vergangenheit aufgewachsen und auch jetzt kennt ihr Leben keinerlei Abwechslung, doch sie kennen ein Morgen und sie leben dafür weiter, für ein Morgen mit Träumen, ein Morgen mit Liebe, Hoffnung und Freude. Trotzallem können sie fröhlich sein. Mit Leichtigkeit ist ihnen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Natürlich gibt es auch Tränen, aber die können trocknen mit der Hoffnung auf Morgen. Ihre Herzen können wachsen, denn sie sind eins, die Mädchen von Upatanisho, und halten zusammen wie die Puppies, die sich auch langsam, geweckt von der Sonne, anfangen zu räkeln.
Ich kann nicht sagen wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, aber dieser ruhige, friedliche Morgen wenn auch mit Ausblick auf die Müllhalde und Bewusstsein über das Leben im Dunklen, das Leben ohne Zukunft, Hoffnung und Morgen, wird schließlich aktiv, als auch die Heimeltern aufstehen. Die meisten Mädchen haben schon ihre schönen Schuhe und Kleider für die Kirche an, bereit bald zu gehen. Eine Matratze und Decke werden noch zum Trocknen rausgetragen. Ich habe mal gehört, dass nächtliches Urinieren in dem Alter auch eine Folge von früherer Vergewaltigung oder mangelnder Hygiene sein kann. Schnell ist jedoch Wasser für mich in einer Schüssel gewärmt, sodass ich mich in der Kabine neben dem Plumpsklo waschen kann. Auch die Heimeltern machen sich schnell fertig. Der Vater bekommt noch seine Schuhe draußen geputzt während er drinnen frühstückt. Anschließend gehen Mum, die Mädchen und ich los zur Kirche. Die ist nur ein kleines Stückchen entfernt. Auf dem Weg treffen wir schon die Jungs vom benachbarten Kinderheim. Mum sagt ein paar Worte, ich stelle mich kurz in meinem gebrochenem Swahili vor und dann fängt die Sunday School an. In kleinen Gruppen wird über die Bibel unterrichtet. Ich gehe mit ein paar der älteren Mädchen und mit zwei Jungs in die Klasse, die von Mum geleitet wird. Wir reden über die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. Danach gibt es eine kleine Pause. Weiter unten am Hang, bei einem Fußballfeld malen die Mädchen mit einem Stock Hüpfkästen auf, die sie sich selbst ausdenken. Inzwischen sind auch die Heimväter und der Pastor gekommen. Zurück in der Kirche fangen wir also an zu singen. Am Anfang das Gottesdienstes, nachdem alle sich wieder versammelt hatten, singen erst die Mädchen alleine was vor und dann die Jungs. Ich kannte das Lied nicht, bin aber mit nach vorne und habe mir fix den Tanzschritt abgeschaut. Der Rest des Gottesdienstes bestand aus vielen Liedern und so weiter und einer tollen Predigt des Pastors, der als früherer Lehrer es schaffte, die Kinder so viel zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Alles in allem dauerte der Gottesdienst ziemlich lange. Es wurde so rausgegangen, dass im Endeffekt jeder jedem die Hand geschüttelt hat, und dann wurden noch Kekse und Bonbons verteilt. Angekommen zurück im Center war schon Mittagsessenszeit. Hausaufgaben und Mandazi (dreieckige Donuts) als Frühstück für die ganze kommende Woche müssen auch noch gemacht werden. So langsam wurde es allerdings Zeit mich für mich zu gehen. Wir kommen alle nochmal zusammen, singen erst Happy Birthday für unser Geburtstagsmädchen, dessen Geburtstag sonst gar nicht beachtet worden wäre und mit ein paar Worten und kleinen Geschenken verabschiede ich mich. Ich bin sehr froh, dass ich hier eine Nacht mit den Mädchen verbringen durfte, glückliche Momente teilen konnte und das Leben hier erleben wollte. Es wird eine unvergessliche Zeit bleiben und so bald wie möglich werde ich versuchen wiederzukommen. Denn sie sind es, dieses Etwas. Das Etwas, das mein Herz gefunden hat, für das es immer wieder hierhin zurückkehren wollen würde. Die Mädchen von Upatanisho. Nach einem Abschiedsfoto und Byebye-Song, begleiten die, die nicht schon wieder kochen müssen, mich noch bis runter zur Straße, wo ich ein Matatu in die Stadt nehmen kann. Ich vermisse sie jetzt schon, aber ich freue mich sie in einem besonderen Platz in meinem Herzen zu bewahren. Ich freue mich, dass ihr Leben, das ohne Zukunft schien, nun Hoffnung und zumindest ein paar fröhliche Momente enthalten kann, und ich hoffe, dass meine Geschichte auch euch etwas näher zu den Mädchen von Upatanisho gebracht hat. Das sie auch Wege in eure Herzen finden und ihr euch nun besser vorstellen könnt, wie das Leben dort aussieht. Aber jetzt endet unsere Reise hier. Wir fahren wieder weg und sie bleiben zurück. Doch wir alle befinden, bleiben und leben in einer Welt, wo es noch vielen Leben zu helfen gilt. Leben ohne Zukunft.